Brainiac Amour

 „Und jetzt noch die Haare! Wild, rockig!“ Im schwarzen Balmain-Blazer mit weißer Schluppenbluse und Leder-Leggings stehe ich vor dem Spiegel. Die Schere setzt bereits zum Schnitt an, als mich schließlich doch ein lauter Aufschrei meines Fashion-Gewissens zum Innehalten zwingt. Soll ich mich tatsächlich in Keith Richards verwandeln? Patti! Patti rettet mich. Die Schere wandert zurück in die Schublade, stattdessen landet fast vergessenes Vinyl auf meinem Plattenteller. Sound statt Cut!

 

Sound und Fashion

 

Patti prangt im super stylishen Outfit auf dem Cover. Robert Mapplethorpe, ihr Geliebter und Gefährte, lichtete sie für das Cover ihres Albums „Horses“ im weißen Hemd, schwarzer Hose und Sinatra-like übergeworfenem Sakko ab. Die englische Vogue widmete diesem Styling ein Cover, als Pattis Biographie und Hommage an Mapplethorpe „Just Kids“ erschien. Endlich hatte jemand Mapplethorpes grandioses Stilbewusstsein und seinen Einfluss auf die Mode (siehe Hedi Slimane bei Saint Laurent) erkannt und gewürdigt! Und doch war ich enttäuscht, dass sich Pattis musikalischer Aufruhr, ihre Rebellion gegen hippieske Sanftheit und Roberts dunkles Sehnen nach Unterwerfung in Hochglanz-Fashion erschöpften.

 

Kick in the Ass

 

Makulatur! Das Besondere an Pattis Kunst ist für mich die Häutung, das Wandeln in selbst geschaffenen Welten, die verlogener Bürgerlichkeit einen „kick in the ass“ geben. Dabei verliert sich die Godmother of Punk nicht in Provokation um der Provokation willen. Getrieben wird sie vom dunklen Sehnen nach Liebe, einer schwarzen Romantik. Als sie von Roberts sexuellen Vorlieben erfuhr, war sie zutiefst verletzt, überwand sich jedoch selbst und begleitete ihn fortan nicht mehr als Liebhaberin, wohl aber als Vertraute. Ihre Bande sprengten Formalismen. Mann, Frau, Dom, Sub, schön, hässlich sind Begriffe, die in ihrer Welt der rebellischen Herzen nicht existierten. Robert tauchte in eine Welt ein, die ihr fremd war, von der sie sich körperlich nicht angezogen fühlte und doch ist ihre künstlerische Identität zutiefst geprägt vom hämmernden Pulsschlag der Begierde, einer Begierde, die sich aufbäumt und zähmt zugleich. Der galoppierende Rhythmus von „Horses“, der Songtext…“Got to lose control and then you take control“…

 

Sex und Schmerz

 

“Life is full of pain, I’m cruisin‘ through my brain“ – Diese Zeilen beweisen die Spannung, die von Sex und Schmerz durchdrungene Liebe zu Robert. „Brainiac-Amour“ nennt sie diese ganz spezielle Verknüpfung, die über das irrationale Sehnen einer Amour fou hinausgeht. Manisch und zugleich zärtlich, die Verschmelzung des Intellekts im Namen der Liebe.

 

Catholic Servant und Rock Chick

 

Eine besonders starke visuelle Umsetzung ist das Foto, auf dem Patti, den Rücken zur Kamera gewandt, an einer Wand lehnt, die Arme nach oben gerichtet. Suspension ist der Begriff, der mir sofort durch den Kopf schießt. Ein zartes Band windet sich um ihre Taille, ein Silberreif umschließt den schmalen Arm. Robert steht neben ihr, blickt wild-melancholisch in die Kamera, auf der nackten, behaarten Brust eine Biker-Jacke. Ein überdimensioniertes Kreuz trotzt seinem Leatherboy-Image. Robert – Kreuzung aus Catholic Servant und Rock Chick. Er wirkt so feminin, dass Patti in ihrer Androgynität seine bessere Hälfte sein könnte. Ihr Rücken, seine Brust, ihr Keith Richards-Hinterkopf, sein lockengerahmtes Engelsgesicht. Fusion!

 

Fusion! Sherin goes beyond… Gender

 

Ich bin so angetan von dieser Vision, dass ich Sherin l’Artiste um eine künstlerische Interpretation bitte.

„Geh so weit, wie du willst!, sage ich, „wie sagte doch Patti? ‚You have to go beyond, beyond’!“

 

Hier also Sherins Vision von

Brainiac Amour

Get your kick: Sherin L’Artiste

 

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare

  1. […] Grundwald von coeur du mal sandte mir den Beitrag Brainiac Amour zu, dessen Essens ich visuell umzusetzen wollte. Dieser Text formulierte einen Aspekt der […]

  2. […] und Bild.“ so die Kurzbeschreibung eines Blogs für den gehobenen Anspruch. Für das Bild zu dem Beitrag „Brainiac Amour“ bin ich verantwortlich. Dies ist das erste gemeinsame Projekt, das Wesentliche einer Thematik […]

    • 22. Januar 2016
      Antworten

      Liebe Sherin,
      du hast die Idee der „Brainiac Amour“ grandios interpretiert! Verwurzelung und doch Leichtigkeit, Brain & Body, Rhythmus und Langsamkeit des Genusses… Ich bin sehr glücklich über unsere Kooperation! Freue mich schon auf ein neues Projekt! T.S.

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