Cupido im Concept Store

Kalter Regen prasselt auf die Markise des Cafés, unter der ich mich mit einem doppelten Espresso und meinem Vorrat an Cyril Lignac-Madeleines vor himmlischer Unbill in Sicherheit bringen will. Noch eine halbe Stunde. Wann gelingt es mir, meine urdeutsche Pünktlichkeit endgültig im schlammbraunen Wasser der Seine zu versenken? Köstliche Ungeduld macht sich in meinen Adern breit. Wie fühlt es sich wohl an, in einer privaten Boutique von einer Pariserin mit dem wohlklingenden Namen Florence Abelin – für Berliner Ohren eine geradezu exotische Verlockung – empfangen zu werden? Mise En Cage, im Deutschen ganz direkt und unverblümt „in den Käfig gesteckt“, nennt sich der Concept Store für erotischen Luxus.

Crème de la Crème der Lingerie

Virtuell ist mir Mise en Cage längst vertraut. Ein leerer Vogelkäfig mit Cupido-Flügeln ziert die Homepage, die mich gleich beim ersten Blick gefangen nahm. Hochwertige Lingerie, exquisite Accessoires und luxuriöse Toys werden dort feilgeboten. Feinste Ware. Jedes einzelne Objekt ist so geschmackvoll, dass es nicht beim ersten Kauf blieb. Einem himbeerroten Seiden-BH mit schwarzen Bondage-Details und der dazugehörigen Culotte der englischen Luxusmarke „Bordelle“ folgten der passende String und ein Badeanzug, der jedes Bond-Girl vor Neid erbleichen ließe.

Der Gedanke an die vergoldeten Ringlein des Swimsuits und seine breiten weißen Bänder auf hautfarbenem Stoff stimmt mich etwas milder gegenüber der Pariser Grisaille und der Schlechtlaunigkeit des Kellners.

Belle de Jour im Vogelkäfig

14.30 Uhr. Endlich. Vor dem edlen Haussmann-Gebäude im diskreten 15. Arrondissement klingle ich bei Mise En Cage. Trügt der Schein oder blicken die Gesichter der Steinreliefs über dem Portal aufreizend auf mich herab? Der Türöffner surrt. Eine charmante weibliche Stimme bittet mich in den dritten Stock. Ich durchquere den Innenhof und fühle mich ein wenig wie Belle de Jour auf dem Weg in Madame Anais Etablissement. Florence und das Appartement haben jedoch erfreulicherweise überhaupt nichts Schwülstig-Opulentes an sich. Ich nehme auf dem Canapé Platz und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Hausherrin in Jeans, schlichter weißer Bluse, im Nacken zusammengebundenen Haar und nudefarbenen Pumps reicht mir Wasser. An Metallstangen hängen farblich und nach Themenbereichen sortierte Dessous. Suspension, zu süßer Immobilität verdammt. Kein lautes Sich-Aufdrängen, nichts Marktschreierisches. Auf einem Mid-Century-Sideboard liegt eine niedrige Vitrine, in der edle Rosshaar-Plugs auf zahme Poneys warten. Im Mise en Cage-Clip spielt Tessa Kuragi das Poney-Girl, das sich in Newton-Manier auf dem Bett positioniert, nicht ohne jedoch zuerst ein zartes Bübchen trainiert zu haben. Die Markenauswahl ist strikt, nur die Crème de la Crème der BDSM-affinen Designer findet einen Platz in der Mise En Cage-Volière. Florence ist in ihrer Auswahl konsequent und kompromisslos. Über Geschmack lässt sich nicht streiten! Entweder man hat ihn oder eben nicht! Florence ist definitiv eine „femme de goût“. Als ich die Handwerkskunst von Fleet Ilya mit Hermès vergleiche, schwärmt sie von Una Burke und ihren martialisch und doch feminin wirkenden Schulterklappen. Feinste Verarbeitung, die sich in jedem Detail findet. Paul Seville darf in diesem Assortiment natürlich nicht fehlen, ebenso wenig wie die High End-Latex-Couture der Berliner Firma Très Bonjour (oh, dieses Set in meinem Schrank stammt ja ebenfalls von Mise en Cage). Florence begibt sich beständig auf Spurensuche und durchforstet die Märkte nach edlen Nischenprodukten, die sich auf den Seiten der Massenanbieter garantiert nicht finden. Selektion heißt die Devise, die natürlich auch für die eigene Lingerie-Linie gilt.

MEC, NUE und WET für VIPs

Zwei Kollektionen gibt es bereits von Mise En Cage, die dritte lässt uns bereits dem Sommer 2016 entgegenfiebern. MEC, ein Akronym für Mis En Cage und zugleich das französische Wort für Kerl, war Florences erste Kollektion. Klare Linien und Strukturen, deren Bondage-Inspiration nicht zu verleugnen ist. Elastische Bänder auf dem Rücken ermöglichen eine perfekte Passform. Ein vergleichbares System findet sich zwar auch bei Bordelle, die Ausführung ist bei Mise en Cage jedoch filigraner und klarer. Außerdem lässt Florence nur in den besten französischen Lingerie-Produktionsstätten arbeiten. Ich befühle den Tüll, begutachte die Nähte und denke an Eres, die zu Chanel gehörende Luxus-Lingerie-Marke. Schnell entscheide ich mich für den BH Klein, der für meine 75 D wunderbar geeignet ist. Florence bietet mir an, mich im Nebenraum umzukleiden und mir bei Bedarf behilflich zu sein. Mit von der Partie sind auch das Taillenhöschen Ionesco und der Slip Richardson. Der Teufel sitzt im Detail und God knows, dass ihn Florence beherrscht! Zwei schmale Bänder führen über die Oberschenkel, ein weiteres Band – das Markenzeichen von MEC – führt wie eine Leine um den Hals, ohne jedoch ostentativ auf Submission zu setzen. Überhaupt ist der zweite Blick der entscheidende: Durchsichtiger Tüll und blickdichte Bänder enthüllen und verdecken. Nichts wirkt karnevalesk. BDSM-Folklore sucht man hier – Dieu merci! – vergebens. Bordelle erscheint mir nun fast ein wenig over the top im Vergleich zu Pariser Raffinesse. Selbst die Fishnet-Linie der zweiten Kollektion wirken bei Mise en Cage elegant und verführerisch und sind weit entfernt von den Agent Provocateur-Fishnet-Tights oder den Höschen von Kriss Soonik. Ich muss mich selbst zu einem harschen „Stop Shopping!“ auffordern, damit nicht auch noch der Araki-Ouvert im Koffer nach Deutschland landet. Zu gerne wüsste ich, welcher Fangemeinde ich nun angehöre. Mise en Cage ist schließlich eine Marke, die nicht wenige VIPs anzieht. Florence ist jedoch diskret. No name, no nothing kommen über ihre Lippen.

Im Rausch der Kunst

Geschickt lenkt sie zu künstlerischen Inspirationen über. Hans Bellmer hätte seine wahre Freude an ihren Elogen gehabt und verabschiedet mich mit Küsschen links und Küsschen rechts.

A bientôt à Berlin!, ruft sie mir hinterher. Ich lächle und stolpere mit geröteten Wangen die Treppe hinunter. Der nasse Pariser Asphalt empfängt mich und mein geheimnisvolles Päckchen, dem ein Hauch Opoponax von Dyptique entströmt. Ganz sicher bin ich jetzt nicht mehr, ob mich nicht doch Marcel mit dem Goldzahn in rauschhafter Besessenheit auf das Bett werfen wird.

Zur Einstimmung außerdem das Video mit Tessa Kuragi.

Get the Look: Mise en Cage

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