Feurige Kreisel und blutrotes Fleisch – „Hast du Angst vor allem, so lies dies Buch!“

Ein Münzenspezialist und Philosoph? Im besten Falle erwarten wir, dass er uns nach einem Glas Chardonnay die Besichtigung seiner Münzsammlung vorschlägt und uns dann bei Kamillentee mit Antiochus IV., Fehlprägungen und Kapitalanlagen langweilt. Philosophen lamentieren zu unserem Leidwesen gerne über „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ und lassen sich das von Beziehungsstress und Gender-Verwirrungen gebeutelte Köpfchen tätscheln.

 

Sexsucht? Schreib dir die Seele aus dem Leib!

 

Mit Georges – Bataille natürlich – wäre das ganz anders! Nomen est omen (Bataille = Kampf) sozusagen. Als erstes würde er ausgiebig unsere rehbraunen Augen bewundern und dann die Wirbelsäule hinabwandern zum Zentrum seines Interesses, dem „anus solaire“, dem Sonnenanus, dem Körpergestirn, um das unsere Begierden kreisen. George Bataille (1897-1962) gilt als französischer Surrealist, verweigert sich jedoch diesem Schubladendenken. Sein Werk ist so eigenständig, rebellisch und tragisch wie sein Leben. Bataille ein Numismatiker? Ja. Ein Schriftsteller? Ja. Ein Philosoph? Ja. Ein Beamter? Ja. Ein depressiver, suizidgefährdeter Sexsüchtiger? Ja. Natürlich ließ auch er sich therapieren, nutzte jedoch die Analyse zur Stabilisierung seines von Kindesbeinen durch Katholizismus und familiäre Krisen gefährdete Psyche. Schließlich starb er an einer Arteriosklerose des Gehirns, die ihn jahrelang an unerträglichen Kopfschmerzen leiden ließ. Nun gut, es hätte schlimmer kommen können.

Obszöne aller Länder, vereinigt euch!

 

Bataille war Beamter und saß nicht im Knast, wie sein surrealistischer Mitstreiter und Kritiker André Breton nicht müßig wurde zu betonen. Dennoch bedeuteten seine Zerrissenheit, seine Todessehnsucht alles andere als „La Vie en Rose“. Er nutzte jedoch seine Verletzungen und Wunden für ein erotisches Werk, das unser ach so aufgeklärtes 21. Jahrhundert prüde, puritanisch und verklemmt wirken lässt. „Das obszöne Werk“ Batailles stellt die Dinge auf den Kopf, entblößt den Schrecken des Lebens, die Schönheit des Exzesses und ist damit weitreichender in seiner gesellschaftlichen Umwälzung als die kommunistischen Umsturzphantasien seiner Zeit. Bataille glaubte nicht an den Sturz der bestehenden Ordnung, wohl aber an „eine völlige Umkehr unserer Vorstellungen“ (S. 57). Vor allem revolutionierte er unsere Vorstellung von Erotik, deren Ernst er erstmals thematisierte. Der „üblichen Leichtfertigkeit, mit der man Texte zu behandeln pflegt, deren Thema die Sexualität ist“, setzt er den „tragisch genommenen Erotismus“ entgegen.

 

Humor und Sex? Schokotrüffel mit Knoblauch!

 

Aktueller geht nüscht, wie wir Berliner sagen würden! Bataille zeigt uns, dass das Paar „Humor und Sex“ genauso absurd ist wie Schokoladentrüffel mit Knoblauch… und das ist eine verdammt wichtige Einsicht, zumal in Zeiten des Sextoys-Unboxings und schrillen Mädchengegackers über Pannen und Flipper-Dildos. Hand aufs Herz? Wer freut sich schon über einen Spaßvogel im Bett? „(…) hör zu, was ich dir sage: wenn du lachst, so nur, weil du Angst hast.“!!! S. 64

 

Eros und Thanatos

 

Bataille hingegen will bis ans „Ende der Ekstase (…) gehen, wo wir uns im Sinnengenuß verlieren“ (S. 59). Es geht ihm um ein gleichsam mystisches Überschreiten von Grenzen. Es ist das alte Thema des Eros und Thanatos. Im Erleben des „kleinen Todes“ (petite mort= Orgasmus), in Momenten, in den wir zu sterben glauben, im Exzess, erleben wir das wahre Sein als göttliches Licht. Schrecken, Tod, Ausschweifung, Ekstase und Gewalt sind die Begriffe, um die Batailles Werk kreist. Grenzerfahrungen, Körper und Kosmos sind das große Thema. „Hast du Angst vor allem, so lies dieses Buch!“ heißt es im Vorwort zu Madame Edwarda, einer Geschichte aus dem „Obszönen Werk“. Bataille fordert uns zur Konfrontation mit allem Angsteinflößenden auf, v.a. der Sexualität, einzutauchen in all das Dunkle, in unserer Gesellschaft im Verborgenen Liegende.

 

Kastrierte Augen – Voyeuristische Entgrenzung

 

„Die Geschichte des Auges“ ist die bekannteste Erzählung des „Obszönen Werkes“. Im Auge des Betrachters, dem sinnlichsten Sinnesorgan, entsteht das Obszöne, Lebendige: Das Universum erscheine den „anständigen Leuten“ nur als anständig, „weil sie kastrierte Augen haben. Darum fürchten sie die Obszönität.“ Bataille hingegen huldigt dem Auge, durch das er die Enttabuisierung des Sexuellen erlebt. Das Auge ist nicht nur der Blick in die Welt des als sakral geltenden Todes und der Sexualität, der Lust und des Schmerzes, sondern der Zugang zum Verbotenen, zu Anus und Urin.

 

Verbale Leuchtfeuer und Sprachbesessenheit

 

Was wir verschämt als „Natursekt“ und „Poposex“ bezeichnen, verwandelt sich bei Bataille in eine Welt aus Metaphern, ein Sturmgewitter aus Assoziationen, ein verbales Leuchtfeuer. In der „Geschichte des Auges“ fragt der Erzähler seine Gespielin, woran sie bei dem Wort urinieren denken müsse. Ihre Antwort lautet: „Strahl, stechen, die Augen, mit einem Rasiermesser, an irgendetwas Rotes, die Sonne. Und bei Ei? An ein Kalbsauge, wegen der Farbe, um im übrigen sei das Eiweiß das Weiße des Auges und der Dotter die Pupille.“ (S. 26)

Mit dieser Sprache treibt er uns hinein in eine voyeuristische Entgrenzung. Wir lechzen nach Simones Orgasmen, nach Batailles Sprachbesessenheit: “Sobald Simone entblößt war, stieß ich meinen rosigen Schwanz in ihr schäumendes blutrotes Fleisch; während er noch in diese Liebeshöhle eindrang, streichelte ich ihr wie toll den Anus, und unsere Münder vermischten sich in wildem Aufbegehren.“ (S. 37)

Bataille vergötterte den Anus, die „sumpfigen Regionen des Arsches“ (S. 17): „Der aufgerichtete Arsch Simones war wie ein machtvolles Gebet: er war vollkommen mit seinen festen und zarten, tief gefurchten Backen.“

Sexualität ist eine Naturgewalt, ein Weg hinein in den Exzess, in die Ausnahme, das Wunderbare, das Wunder! Batailles Sprache ist der Schlüssel zur Entgrenzung, belebt das Unbelebte, bewegt Bilder, lässt Buchstaben wogen…

Ein Buch mit sieben Siegeln?

 

„Ein Buch, meinst du, ist ein leblos Ding. Das ist möglich. Aber was, wenn du – das gibt es doch – nicht lesen kannst? Wirst du dich fürchten…?“ (S. 64)

 

Courage, Mesdames et Messieurs! Courage!

Diese Rezension findet ihr auch auf „Kopfkinocheck“, einem Bewertungsportal für erotische Literatur:

Get your kick:Das obszöne Werk 

Get your kick:Kopfkinocheck 

 

 

 

 

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