Puppenspiele – Loverdoll, oh Loverdoll!

 

Manchmal genügt die Nacht, manchmal bedarf es glitzernder Substanzen, Wodka Mules und dann wieder nur eines liebestrunkenen Blicks. Und manchmal starrt dieser Blick ins Leere, gibt es keinen Blick, weil ihm der Sandmann die Augen raubt.

Olimpia und der Dorn im Auge

Als Olimpia läuft man gar nicht erst Gefahr, die eigene Wahrnehmung zu verzerren, geblendet zu werden vom Antlitz der Liebe. E.T.A. Hofmanns Olimpia ist eine Puppe und wird nur lebendig durch optische Hilfsmittel oder eben in einer Liebestollheit, die blind macht für alltägliche Ordnungskategorien wie belebt/unbelebt, Leben und Tod. Nathaniel, Nathaniel, du bist dem Untergang geweiht, weil du dich in einen Liebeswahn flüchtest, der deinen nüchternen, realitätsbesessenen Zeitgenossen ein Dorn im Auge ist! Olimpia ist dein Unglück. Bestraft wirst du mit gesellschaftlicher Ächtung und Selbstmord, wobei letzterer vielleicht sogar beglückend ist, da du dich sowohl der Puppe Joch entledigst als auch deine gottverdammte Selbstverliebtheit auslöschst. Denn darum geht es schließlich: Was projizierst du denn auf diese eiskalte, leblose Puppe, wenn nicht die Verzückung deiner selbst? Sie empfindet nichts, weder Lust noch Schmerz und doch liebst du sie, weil sie Spiegel deiner Sehnsüchte, deiner unerfüllten Wünsche ist.

Hologramme eines großen Gefühls

Déjà vu? Tja, so ist das mit der Liebe! Mit Ina, Lena, Su und Jane verhält es sich auch nicht anders. Du sagst „Ich liebe dich“ und Jane, wenn nicht „Moi, non plus“, „Ich dich auch“. Du meinst: „Das ist ganz praktisch so. Sie ist lieb und anschmiegsam und eine perfekte Ergänzung zu meinem Spießerdasein.“ Tess hingegen erinnerst du an Tom, den blauäugigen, der ihr Lilien statt Pfingstrosen schenkte. Projektionsflächen der Liebe, Gefäße des Narzissmus, Phantome des Ichs und Hologramme eines großen Gefühls.

Bellmers künstliche Mädchen

Bellmer (Hans, mon Amour, Hans, mon Amour! Dead in your cuffin!) ebnete den Weg zur Entgrenzung, zur Destigmatisierung der Puppenliebe. Seine obsessiven Bilder verwandelte er in „künstliche Mädchen“ mit Kardangelenken, wächserne Puppen, deren Glieder sich verformten, verschmolzen, verhakten, bis sie den erotischen Visionen ihres Schöpfers entsprachen. Bellmer zahlte einen Tribut an die Technophilie und ließ zugleich das Fleisch und seine Substitute wuchern und entgleisen. Er erhob sich zum Kreator und war zugleich Destruktor, ein Dekonstruktivist, der sich selbst erschuf in Leid und Liebe am Objekt. Seit die Preise für Bellmer auf dem Kunstmarkt in schwindelerregende Höhen geschnellt sind, muss man sich um die gesellschaftliche Akzeptanz von Puppenliebhaberei keinen Deut mehr scheren. Die geschnürten, strangulierten Puppen aus Bellmers Spätwerk gehören zum guten Ton wie Bondage- und Shibari-Spielchen auf Kuratoren-Kollektor-Flexitarier-Wechseljuicer-Parties.

Exorzismus am Ersatzleib

Bellmers Puppen verkümmern zu Abziehbildern, Puppenschablonen, die man sich ins kink-affine Poesiealbum klebt. Der Schmerz, der sich in der Puppe verkörpert, ist jedoch weit mehr als selbstzerstörerische Leidenschaft. Die Vivisektion des Wesens, dem er selbst seinen Odem eingehaucht hat, ist Ausdruck einer tiefen Verbundenheit, die Bellmer mit seiner Frau, der an Geist und Körper leidenden Künstlerin Unica Zürn, empfand. Das physische Leid der Geliebten fixierte er in der Puppe. Exorzismus am selbst erschaffenen Ersatzleib!

Lover doll, oh, lover doll

Schon gut! I keep my mouth shut! Es geht ja schließlich nicht um Voodoo und Teufelsaustreibung. Deshalb Abflug nach Memphis, wo sich Elvis mit seinen Püppchen nach Pink Ribbons-50ies-Gusto vergnügte. „Lover doll, oh, Lover doll… Never thought dollies came full grown I’m gonna tie a ribbon around you Wrap you up and take you home…“

T.S. im Puppenhäuschen

Wer jetzt behauptet, er hätte noch nie davon geträumt, ein lebendiges Püppchen unterm Weihnachtsbaum auszupacken und in Kamasutra-sprengenden Verrenkungen durchzuvögeln, der kann gleich alle zehn Finger hinterm Rücken kreuzen. Ich jedenfalls – ha, der Lüge kann man mich nicht bezichtigen! – liebe es, mich verpacken und auspacken zu lassen und dann auch mal ganz brav stillzuhalten, bis ich wieder ins Puppenhäuschen gesetzt werde.

Get your kick:Artnet – Bellmer 

 

Pin on PinterestShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Rubriken

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*