Scarface

Al Pacino – Kunstpause – Okay, ich hau mich jetzt ein Viertelstündchen aufs Ohr und denke erst mal an Alfredo James Pacino, Antonio Tony Montana. Mac noch auf den Knien, Schluss mit Al, zurück zum Blog! Selbstdisziplin muss sein!

Natürlich habe ich mir nicht Youtube-Ausschnitte aus Der Duft der Frauen, Dick Tracy oder Sea of Love angesehen. Nope! Valentinstag ist vorbei. Man darf wieder seinen ganz persönlichen, unromantischen Vorlieben frönen! Hip Hip Hooray! Ich also ergötze mich heute an meinem heiß geliebten Scarface, dessen moralische Unvollkommenheit mich nicht im Geringsten stört, ganz im Gegenteil: Nur sie kann diese erregenden Spuren hinterlassen, die Tonys Gesicht zeichnen. Am liebsten würde ich mit kleinen Katzenzungenschlägen sein Gesicht lecken, mit der Spitze meiner feuchten Zunge die ins Fleisch gekerbte Linie entlangfahren, die sich von der linken Augenbraue bis zur Wange zieht. Scar-Fiction – mein Mind Game ist so real, dass ich förmlich jede winzige Vertiefung, jede Unregelmäßigkeit der mäandernden Narbe zu spüren glaube. Lippen, Wimpern, Ohren erscheinen mir belanglos im Vergleich zu der Nut, die sich durch lebendiges Gewebe frisst.

The World is Yours

Vernarbte Haut, verletzt, verheilt, ausgelöscht, löst natürlich nicht allein meinen Erregungszustand aus. Es ist der Machtanspruch, die Lust, die Welt aus den Angeln zu heben, die sich in Tonys Narbengesicht manifestiert. Wenn er, den Blick gen Himmel gerichtet, mit großen, fast kindlich naiven Augen den Werbezeppelin mit der Aufschrift „The World is Yours“ bestaunt, wissen wir: Dieser Mann wird sein Glück beim Schopfe packen und uns die Sterne vom Himmel holen! Die Schicksals-Message begreift er als Aufforderung, sich die Welt untertan zu machen, sich zu nehmen, was ihm gebührt. Welche Frau vermag dem schon zu widerstehen – Augenhöhe hin oder her? Zumal Tony (zumindest zu Beginn) nicht gänzlich dem Größenwahn verfallen ist und nahezu demütig die Nachricht entgegennimmt. Er, der Auserwählte, weiß ganz genau um die Gefahren und dennoch begibt er sich auf seine Mission. Lucky you, Elvira Hancock!

The First Cut is the Deepest

Al braucht keine Skarifizierung. Keiner verändert die Unversehrtheit seines Körpers auf Anweisung. Seine Narben sind Zeichen des Kampfes, des Strebens zur Macht, des steinigen Weges zum Erfolg. Er bedarf keiner Zeichen, um seine Zugehörigkeit zu demonstrieren. Der Kampf um Leben und Überleben zeichnet ihn. Schmucknarben für Toni? Sterne, Totenköpfe, Adler in die Haut geritzt? Ein schlechter Witz! Narben sind ein Wink des Schicksals wie die Pan Am-Message am Horizont! Initiation? Scarface muss seinen Zeitstrahl nicht markieren. Jeder Schritt, jedes Wort ist eine Initiation. Continous Change lautet sein Motto.

Und doch ist auch er trotz aller Härte und Gnadenlosigkeit vor Liebe nicht gefeit! He knows what love is… zumindest in Bezug auf seine Schwester. Zeigt sich nicht ohnehin das Absolute der Liebe in ihrer Unmöglichkeit? In „Was Liebe ist“ schrieb Ulrich Woelk vor ein paar Jahren über Liebende, die als Bruder und Schwester zum Verzicht verdammt waren. Schmerz und höchste Form zugleich. Michelle verdient ihn ohnehin nicht, eine Nase Koks ist ihr wichtiger als Toni, den sie sehend in den Untergang rauschen lässt. Unerfüllte Liebe, Melodrama, Kampf gegen Schicksalsmächte… Wer auch nur die geringste masochistische Ader hat, muss Scarface verfallen!

Crash – Man & Machine

Und jetzt ein Argument für die harten Jungs bzw. die, die es noch werden wollen: Narben und Technik gehören so eng zusammen wie Wodka und Eis, Mutter und Schraube, Hammer und Sichel, was auch immer ihr so zusammensteckt! Unsere Sehnsucht nach dem Neuen, der Aufbruch in ein „vie en rose“ beginnt mit Härte und Entschlossenheit. Ein neues Manifest der Männlichkeit muss her, berauschend wie das „Futuristische Manifest“ Marinettis, 100 Jahre alt inzwischen: „Der geliebkoste Tod überholte mich an jeder Kurve, um mir artig seine Pfote zu geben und um sich dann wieder mit einem Geräusch knackender Kinnbacken der Erdoberfläche anzuschmiegen, indem er mir aus den Wasserlachen sammetweiche Blicke zuwarf.“

O.k., wie James Dean müsst ihr euch nicht gebärden, im Porsche würde ich ganz gerne selbst noch sitzen, und Cronenbergs „Crash“ ist auch nicht unbedingt empfehlenswert. Patricia Arquettes Vulva-Narbe auf der Rückseite ihres Schenkels ist jedoch unbedingt sehenswert. Nicht nur Autohändler werden in Verzückung geraten!

Wenn ihr euch aber zufällig mal mit dem Schlagbohrer verletzt, beim Teppichverlegen der Cutter ausrutscht oder die Rasierklinge ganz unelegant knapp an der Halsschlagader vorbeischlittert…

Let it bleed, please!

Get your visual kick: Scarface – Brian de Palma

Get your visual kick: Crash – Cronenberg

 

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2 Kommentare

  1. Oda
    25. Februar 2016
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    Wieder ein anregender Artikel mit intellektuellem Anspruch! Bitte mehr davon!
    Herzliche Grüße
    Oda

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