Scat-Kult

„Vous me faites chier! Putain de merde! Quel con!“ Französische Flüche zergehen mir auf der Zunge wie ein Macaron au thé Marie-Antoinette von Ladurée.

Bevor jetzt jemand auf falsche Gedanken kommen könnte: Krotophilie ist meiner Libido so fremd wie Leben auf dem Mars. Ja, ja, ist schon gut! Man weiß wohl nie, zumal man schließlich schon Wasser auf dem roten Planeten gefunden hat.

 

UGO RONDINONE : I ♥ JOHN GIORNO

 

Heute geht es jedoch nicht um kleine Vergnügungen mit Kaviar & Natursekt, sondern um Scat-Kult.

Im Palais de Tokyo in Paris läuft derzeit die Ausstellung „UGO RONDINONE: I ♥ JOHN GIORNO“. Der Titel trifft ins Schwarze. Ein kollektives I macht uns sofort zum Teil einer Community, in dessen Mittelpunkt der Performance-Künstler John Giorno steht. Zugleich ist Rondinones Liebeserklärung in Form eines leicht abgewandelten Milton Glaser-Logos eine Anspielung auf Pop Art, die sich von der Alltagskultur und der Welt des Konsums inspirierte. Giorno, eine Ikone der Beatnik-Generation, verweigerte sich der vorherrschenden amerikanischen Wegwerf-Kultur und inszenierte sich und seine Figuren als Clowns, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, ohne jedoch moralisch-belehrend den Zeigefinger zu heben. Kurz: Er zeigte seinen Ex-Kollegen (ursprünglich war er Börsianer!) den Fuck-Finger! Mit intellektuellen Abstraktionen und staubtrockener Systemkritik hatte er jedoch ebenso wenig am Hut wie mit der scheinbar so perfekten Wohlstandsgesellschaft.

 

Fuck! Shit! Thanx4Nothing!

 

Seine „Found Poetry“ schnappte er sich auf der Straße. Klar sollte sie sein, verständlich, zugänglich für alle. Was liegt also näher, als sich mit den unmittelbarsten, direktesten und ehrlichsten Äußerungen künstlerisch auseinander zu setzen? „Fuck“ und „Shit“ gehören vielleicht heute zu den meistgebrauchten Wörtern im westlichen Kulturkreis, in den sechziger Jahren gab es jedoch noch ein paar Tabus zu brechen. Giorno einfach nur als Provokateur abzustempeln, greift aber zu kurz. Im Kern ist er ein Romantiker! Gibt es vielleicht einen großartigeren Beweis als „I would crawl through a mile of shit to suck off the last guy who fucked her.“?

Wer – abgesehen von Hardcore-Chocolat-Aficionados – würde schon meilenweit durch Scheiße robben, um einen Konkurrenten auszuschalten? Liebe lässt sich eben doch nicht nur mit sanften Love & Peace-Metaphern ausdrücken. Mit Haut und Haar jemandem verfallen sein, sich verzehren, jemandem unter die Haut gehen… Vermitteln wir dieses Gefühl nicht viel eindringlicher und ehrlicher mit einer Sprache, die aus unserem elementarsten Erfahrungsbereich stammt?

 

You don’t know what love is

 

Man muss nicht Philemon und Baucis kennen, um zu wissen, was Liebe ist. Zusammen ergraut und in sich ruhend auf einer Bank zu sitzen, ist zweifelsohne ein wunderbares Bild für Liebe. Brennende Herzen und nach Tränen schmeckende Lippen gehören natürlich schmerzvoll-realistisch auch dazu. You don’t know what love is, until you’ve learned the meaning oft the blues…

 

I want to cum in your heart

 

Gibt es jedoch nicht auch eine Liebe, die ebenso wie Alltagskultur und -sprache oftmals zu Unrecht als trivial abgetan und verurteilt wird? Sex und Liebe. Liebe, die aus dem stärksten Impuls, der intensivsten Regung entsteht, ist nicht einfach nur triebgesteuert und minderwertiger als eine geistig überhöhte, reine Liebe.

 

John Giorno hat dies erkannt und einfach genial auf den Punkt gebracht:

 

„I want to cum in your heart.“

Get the Look: John Giorno

Pin on PinterestShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Rubriken

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*