Wölfin im Latexpelz

Interview mit Hannah Brandt in Séparée Nr. 9.

Free your desires and enjoy!

Soeben ist dein erstes Buch bei Cupidobooks erschienen, liebe Theresa: „Bändigung des Biestes“- Kinky Stories. Worum geht es und wer ist hier das Biest?

 

Cupidobooks! Yeah! Ein herzliches Merci an Karin Struckmann, meine Verlegerin. Sie ist wagemutig und alles Andere als Mainstream. Eine passionierte Frau, die sich nicht scheut, neue Wege zu beschreiten.

Die „Bändigung des Biestes“ ist ein wilder Ritt, ein bildreiches Roadmovie durch Sexualität, Beziehung, Liebe. Die Geschichten klingen wie Popsongs, lassen David Lynchs psychedelische Bilder aufflackern und entspringen doch romantischem Sehnen.

Die „Kinky Stories“ sind eine Collage des Genusses, Scheiterns, Liebens, kurz: der L.O.V.E.

Tja, das Biest… Wer ist hier das Biest, das gebändigt werden will? Sherin l’Artiste, die das wunderbar thrillende Cover entworfen hat, setzt auch visuell ein Fragezeichen. Ist es die Lady am Spültisch, die ihren Po dem schwarzen Schatten entgegenstreckt? Ist es der schwarze Mann, das Dunkle, Okkulte, Bestialische oder ein King of the Dark, der die geheimsten Begierden zu erfüllen verspricht?

 

 

Wie definierst du für dich Kink und gibt es einen deutschen Begriff dafür?

 

Die eigene Sexualität zu labeln, fällt immer schwer. Mit dem Begriff Kink identifiziere ich mich am ehesten, weil er so schön exzentrisch klingt. Kink stammt aus dem Englischen und bedeutet ursprünglich „abartig“, „pervers“. Alles, was nicht einer sexuellen und damit gesellschaftlichen Norm entspricht, wurde damit abgestempelt. Heute benutzt man den Begriff zur Selbstbeschreibung von Menschen, die spezielle, andersartige sexuelle Vorlieben haben: Kinks schaffen sich Lebens-und Spielräume, die sie nach ihrem eigenen Gusto gestalten. Dominanz und Unterwerfung spielen dabei eine wichtige Rolle, aber auch starke körperliche Reize. Ich habe eine Abneigung gegen den Begriff BDSM (Bondage/Discipline/Dominance/Submission/Sadism/Masochism). Er ist politisch hyperkorrekt und baut eine Welt auf, die rigide und verknöchert wirkt. Als könne man andersartige Gelüste nur mit Gasmaske, schwarzroten Latexanzügen und Peitsche ausleben. Kink ist Ausdruck sexueller Freiheit. Kink verweigert sich der Totalstrukturierung. Flesh for Fantasy!

 

 

Was fasziniert dich an Kink?

 

Kink reißt Schranken ein, öffnet das Tor zur Begierde. Es ist ein Reich, in dem alles möglich und nichts verboten ist, solange es dem Anderen nicht schadet. Kurzum: Kink ist Freiheit. Upside down, inside out! Das Urteil, die Sicht von außen ist unwichtig. Nur das Spiel, die eigenen Regeln im Dienste des Verlangens zählen.

Wenn mir danach zumute ist, mich hart und gnadenlos in der Tiefgarage ficken zu lassen, why not? Morgen kann die Sache schon wieder anders aussehen und ich verspüre ein unbändiges Bedürfnis danach, mich als Schulmädchen zu verkleiden und rotwangig darauf zu warten, dass mir der Schulmeister das Röckchen lüpft und mit der Rute den Po versohlt.

Unser Schwarz-Weiß-Denken sollten wir ad acta legen, wenn wir unser Spiel-und Lustspektrum erweitern wollen. Es ist betrüblich, wie verkümmert unser Spieltrieb, unsere Lust an Finessen, Flirt und Sprachspielchen ist im Vergleich zu anderen Kulturen. Die Franzosen an vorderster Front. Ich habe ja lange in Paris gelebt…

 

(Theresa leckt sich über die Lippen und schwärmt von Macarons)

 

 

Warum finden viele Leute kinky Praktiken so anstößig oder abstoßend, aber gleichzeitig faszinierend?

 

Wer ahnt nicht, dass sich tief im Verborgenen die kostbarsten Schätze befinden? Wer aber wagt es tatsächlich, ein Schwein zu sein, um Trüffeln zu finden? Wir alle sind stärker von Konventionen und Erziehung geprägt, als wir glauben. Sex muss erfüllend, politisch korrekt, vielfältig, humorvoll etc. sein. Uns werden permanent Bilder vorgegaukelt, Normen, die wir erfüllen sollen, so dass wir uns nach dem Andersartigen zutiefst sehnen. Kink gibt einen Shit auf den jeweiligen gesellschaftlichen oder sexualpolitischen Hype. Wenn ich Lust auf sexistische Spielchen habe, dann spiele ich. „Just give me some pleasure, it’s my life“ (Theresa S. Grunwald singt), wie Iggy Pop sagen würde. Es geht nicht um Augenhöhe, sondern um rohe, ungefilterte Begierden. Das fasziniert an Kink! Gleichzeitig flüstert unser spießiges Über-Ich: „Tu’s nicht! Das ist böse!“…vielleicht sogar eklig. Kink zeigt auch Wandlungen des Körpers, rote Flecken, Striemen. Es ist die Veränderung, die Abkehr von der allzeit propagierten Perfektion, die uns erschreckt. Ein wenig vergleichbar mit Ekel und Horror. Beide wecken ambivalente Gefühle in uns, den Widerstreit zwischen Anziehungskraft und Abstoßung.

 

 

Ganz kommen wir um die Fifty Shades of Grey nicht herum… Stehst du in dieser Tradition?

 

Keine Sorge! Es gibt jetzt kein Schatten-Bashing. Fifty Shades hatte durchaus seine Funktion. Ein breites Publikum ist mit besonderen Formen der Sexualität in Kontakt gekommen. Das ewige Gefasel von Augenhöhe wurde endlich mal gedämpft. Dominanz und Unterwerfung sind das Piment in unserem Sexualleben, kicken uns ganz tief hinten in unserem Hypothalamus.

Ich schreibe jedoch keinen Bekehrungsroman. Nach dem Sturm und Drang die klassische Häuslichkeit. Nein! Meine Geschichten sind Geschichten der sexuellen Befreiung, des Leidens und der Lust an der Liebe. Patentlösungen biete ich nicht an. Literarisch sehe ich mich eher in der Tradition der guten, alten Libertins, Marquis de Sade allen voran.

 

 

Ist es schwer, über Sex zu schreiben? Welche Sprache hast du für dich gefunden?

 

Über Sex zu schreiben hat einen ganz besonderen Reiz. Hat man das Schweigen erst einmal überwunden, steht man vor der faszinierenden Herausforderung, einer ursprünglichen, ungeschliffenen sinnlichen Erfahrung Form zu geben. Kein Mensch hat heute mehr ein Problem mit Wörtern wie „ficken“, „vögeln“, „Schwanz“. Es geht eher darum, eine ganz persönliche Sprache zu finden, die die eigene, individuelle Sexualität erfasst. Meine Sprache würde ich als pornographisch-poetisch bezeichnen. Ich kann ganz roh und klinisch Sex beschreiben, aber auch die Poesie, das Romantisch-Verklärte, die darin verborgene Liebe aufspüren. Verbaler „Scrutinizer“ und „Catholic Girl“ in einem, frei nach Zappa!

 

Hast du nicht das Gefühl, dass du Gewalt verherrlichst und den Feminismus verrätst?

 

Welchen Feminismus? Den Salon-Feminismus? Alice Schwarzers Feminismus? Für Alice Schwarzer ist Kink natürlich Verrat, weil es submissive Frauen in ihrer Welt nicht geben darf, genauso wenig wie klassische Pornographie. Ich sehe mich als Libertine und Liberale, die ihre Sicht auf die Dinge selbst bestimmt. Dazu gehört auch, dass ich meine Sexualität frei leben kann und vor allem zwischen Sex und Respekt im Alltag zu unterscheiden vermag.

Was Gewalt betrifft: No way! Ich verherrliche sie nicht, gestehe ihr jedoch einen Platz zu in der Sexualität. Gewalt im Sinne von Macht und starkem physischen Stimulus, wenn gewünscht natürlich.

Natürlich heiße ich es gut, dass es neue, sog. Frauenpornos mit einer speziellen Ästhetik gibt. Dennoch schaue ich mit Vergnügen kink.com-Pornos und den guten alten sexistischen Russ Meyer. Jedem Tierchen sein Pläsierchen!

 

 

Hast du einen Tipp für eine erfüllte Sexualität?

 

Free your desires! Reiß die Schranken nieder, befrei deine Gelüste! Das ist aber mein ganz persönlicher Appell. Erst wenn ich frei bin, kann ich suchen und fündig werden. Ich bin durch und durch liberal und werde mich hüten, Wege aufzuzeigen. Wenn man den ganzen äußeren Druck durch Medien, Elternhaus, Beziehung etc. ablegt, findet man Mittel und Wege. Fantasie und Kreativität sind die Schlüssel zu lustvollem Sex. Statt uns lediglich auf unseren Verstand zu verlassen, sollten wir es wagen, unseren eigenen Begierden nachzuspüren, das Raue, Ungebändigte zuzulassen und sich der eigenen Lust zu stellen.

 

 

Wie steht’s mit der Liebe? Geht’s auch um Liebe oder nur um Sex? Das ist ja fast schon eine männliche Sicht auf die Dinge…

 

Was heißt hier „nur um Sex“? Sex ist der unmittelbarste Ausdruck von Liebe. Direkt, pur, unumwunden. Das gilt für Männer und Frauen. Ob Sex gender-spezifisch ist oder gesehen werden kann, ist für mich nicht relevant. Männlich/weiblich sind Kategorien, die unser natürliches Verlangen verkleistern und verfremden. Und nun zu L.O.V.E.: Liebe ist die treibende Kraft meines Daseins. „Banana moon is shining in the sky“ – Tom Waits bringt es auf den Punkt: Liebe verändert die Sicht auf die Dinge, durchdringt uns und bleibt doch ewig ein Rätsel.

 

 

 

Nun die Gretchenfrage, liebe Theresa: Hast du das alles erlebt, worüber du schreibst?

 

„Das tiefste Glück des Menschen liegt in seiner Einbildungskraft.“, sagt der Marquis.

In meinen Texten begebe ich mich auf Spurensuche, verkoste verbal, was ich erlebe, spüre, träume, fantasiere. Tabus über Bord zu werfen, die eigenen Grenzen zu überschreiten, mich immer wieder zu häuten und zu wandeln genieße ich in vollen Zügen. Die Transformation ist mein Mittel, mein Motor. Deshalb auch die Wolfsmaske. Sie verhüllt einen Teil meiner selbst, meines anderen Lebens und verweist auf meine animalische Seite. Es ist wie in dem Film „Company of Wolves“. Rosaleen fantasiert und erlebt eine Wirklichkeit, die andere nicht sehen können. Realität und Fantasie verschmelzen. Dreams are my reality!

 

 

Herzlichen Dank, Theresa für das Interview!

 

 

Das Vergnügen ist ganz meinerseits, liebe Janina!

 

Get your kick:Wölfin im Latexpelz

Get your kick:Bändigung des Biestes

 

Pin on PinterestShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Rubriken

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*